banner_grau.gif

Apotheke am Kirchberg

  • Apothekerin Christine Nilles e.Kfr.
  • Langgasse 12
  • 55299 Nackenheim

Wie gefährlich sind Krankenhauskeime?

Patienten können sich in Krankenhäusern ernsthafte Infektionen zuziehen. Wir sprachen mit drei Experten über Risiken und Schutzmaßnahmen
von Tanja Pöpperl, 24.04.2017

Händedesinfektion: Sorgfältige Hygiene in der Klinik verringert Infektionen

Dpa Picture Alliance/Hans Wiedl

Die Zahlen klingen alarmierend: Laut Hochrechnungen auf Basis von Zahlen des European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) erleiden pro Jahr deutschlandweit etwa 500.000 Menschen eine Infektion im Krankenhaus, 15.000 Menschen sterben sogar an den Folgen. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) geht sogar von 900.000 Infektionen und 30.000 bis 40.000 Todesfällen aus. 

Am häufigsten treten bei den Betroffenen Atemwegs- und Harnwegsinfekte, Wundinfektionen oder Sepsis ("Blutvergiftung") auf. In diesem Zusammenhang ist immer wieder von besonders gefährlichen multiresistenten Keimen die Rede, die mit Antibiotika nur noch eingeschränkt, manchmal auch gar nicht mehr zu therapieren sind und so schwere Krankheitsverläufe nach sich ziehen.

Nicht jeder Keim macht krank

Experten wissen, dass in der öffentlichen Wahrnehmung einige Missverständnisse bestehen. "Grundsätzlich fasst man unter dem Begriff Krankenhauskeime alle Mikroorganismen zusammen, die eine nosokomiale – das bedeutet, eine im Zusammenhang mit einer medizinischen Maßnahme entstandene – Infektion verursachen können", erklärt Professor Alexander Mellmann vom Institut für Hygiene des Universitätsklinikums Münster. Dazu zählen Bakterien, die in der normalen Haut-, Schleimhaut- oder Darmflora des Menschen vorkommen oder Keime, die in unserer Umgebung, etwa in der Luft oder im Wasser, vorhanden sind.

Die gefürchteten multiresistenten Keime wie MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus) machen ebenfalls einen Teil der verursachenden Erreger aus und nehmen eine Sonderstellung ein. Zwar sind sie nicht grundsätzlich aggressiver als andere Bakterienstämme. Doch weil sie auf viele Antibiotikatherapien nicht mehr ansprechen, kann eine Infektion lebensbedrohlich werden. "Etwa sechs Prozent aller Krankenhausinfektionen lassen sich auf multiresistente Keime zurückführen", weiß Professorin Petra Gastmeier, die das Institut für Hygiene und Umweltmedizin der Charité Berlin leitet. "Der Großteil entsteht durch andere Erreger. Eine generelle Zunahme der Fälle beobachten wir allerdings nicht, die Zahlen sind seit Jahren konstant."

Im Alltag ungefährlich, für Kranke bedrohlich

Während gesunde Menschen unzählige Keime auf der Haut oder im Magen-Darm-Trakt mit sich herumtragen und keinerlei Krankheitssymptome entwickeln, werden diese "normalen" Erreger zum Risiko, sobald sie in eine offene Wunde oder in eine Körperregion gelangen, in der sie üblicherweise nicht vorkommen. Eintrittspforten wie Gefäß- oder Harnwegskatheter begünstigen Infektionen. Bei geschwächten Patienten, die sich von einer schweren Operation erholen oder bereits eine chronische Vorerkrankung mitbringen, steigt die Gefahr einer ernsthaften Erkrankung zusätzlich.

"Man spricht von einer endogenen Infektion, wenn körpereigene Keime eines Patienten die Verursacher sind", so Professor Wilfried Bautsch, stellvertretender ärztlicher Direktor des Klinikums Braunschweig und Chefarzt des Instituts für Mikrobiologie, Immunologie und Krankenhaushygiene. "Wird ein Patient durch Erreger von außen, etwa über die Hände einer Pflegekraft, infiziert, handelt es sich um eine exogene Infektion."

Gezielte Hygiene senkt Übertragungsrisiken

Einen hundertprozentigen Schutz vor nosokomialen Infektionen gibt es nicht. Allerdings wären nach Schätzungen bis zu einem Drittel aller Krankheitsfälle vermeidbar, vor allem durch verstärkte Hygienemaßnahmen. Daher setzen Kliniken deutschlandweit auf vermehrte Schulungen des Personals, gerade, was die Handhygiene betrifft. Über die Hände werden nämlich immer noch die meisten Erreger übertragen. Als einfache Maßnahme mit großer Wirkung hat sich die Überwachung des Händedesinfektionsmittelverbrauchs in Krankenhäusern erwiesen. "Seit wir im Jahr 2008 die "Aktion Saubere Hände" einführten und nun unter anderem regelmäßig kontrollieren, welche Menge Händedesinfektionsmittel Ärzte und Pflegepersonal verwenden, hat sich der Verbrauch verdoppelt", berichtet Petra Gastmeier. "Inzwischen gilt ein hoher Messwert als Qualitätsmerkmal für ein Krankenhaus."

Auch Patienten und Besucher sollen verstärkt auf den Nutzen einer gründlichen Händedesinfektion aufmerksam gemacht werden, etwa durch Spender direkt im Eingangsbereich, versehen mit einer klaren Anweisung. "Da Erreger auch durch eine sogenannte Schmierinfektion übertragen werden, beispielsweise, wenn eine mit Mikroorganismen kontaminierte Oberfläche berührt wird, spielt die Flächendesinfektion insbesondere der handnahen Flächen in den Räumen natürlich ebenfalls eine große Rolle", ergänzt Alexander Mellmann.

Maßnahmen gegen multiresistente Keime

Die spezielle Gefahr, die von multiresistenten Keimen ausgeht, erfordert zusätzliche Gegenmaßnahmen. Nach Empfehlung des Robert Koch-Instituts sollen Risikogruppen direkt bei der Aufnahme in eine Klinik getestet werden. Dazu gehören Dialysepatienten, Menschen mit Dauerkathetern oder chronischen Wunden. "Oft tragen die Betroffenen Erreger wie MRSA unbemerkt in sich", sagt Wilfried Bautsch. "Durch einen Nasen-Rachen-Abstrich lassen sich die Keime schnell nachweisen." Der Vorteil: Planbare, nicht sehr dringende Operationen können verschoben werden, bis die Erreger durch eine antiseptische Behandlung beseitigt sind. Falls eine stationäre Aufnahme trotz des Nachweises unumgänglich ist, sollten die Patienten isoliert von anderen liegen.

Während MRSA-Fälle leicht rückläufig sind, entwickeln immer weitere Keime Multiresistenzen, was Kliniken künftig vor neue Herausforderungen stellen wird. "Antibiotikatherapien müssen sparsamer und zielgerichteter eingesetzt werden, nachdem jahrelang hauptsächlich Breitband-Präparate verordnet wurden, die Resistenzen fördern", meint Petra Gastmeier. Außerdem arbeiten Experten wie Alexander Mellmann am Institut für Hygiene in Münster aktuell an "genetischen Fingerabdrücken" einzelner Erreger, um Übertragungswege besser zu verstehen und neue Präventionsstrategien entwickeln zu können.



Bildnachweis: Dpa Picture Alliance/Hans Wiedl

Lesen Sie auch:

Seniorin im Krankenhaus

Klinik-Knigge: Tipps für Besucher »

Angehörige sind in Krankenhäusern zunehmend willkommen – sogar auf der Intensivstation. Auf einige Punkte sollte man bei einem Besuch aber achten »

Newsletter abonnieren

Hier können Sie unseren kostenlosen Newsletter abonnieren »

Krankheits-Ratgeber zum Thema

Cholera Bakterien

Cholera

Die Cholera ist eine Infektionskrankheit. Übertragen wird sie meist durch verseuchtes Wasser. Sie kann zu schweren Durchfällen mit lebensgefährlichem Flüssigkeitsverlust führen »

Spezials zum Thema

Streptokokken und Antikörper

Infektionen erkennen und behandeln

Infektionskrankheiten zählen zu den häufigsten Todesursachen weltweit. Anstecken kann man sich auf verschiedensten Wegen mit Erregern wie Bakterien oder Viren  »

Haben Sie schon einmal versucht, sich das Rauchen abzugewöhnen?

© Wort & Bild Verlag Konradshöhe GmbH & Co. KG

Weitere Online-Angebote des Wort & Bild Verlages